Was bedeutet Berufsunfähigkeit Rentenversicherung und Unfallversicherung

13. Februar 2020 by: admin

Maßstäbe der gesetzlichen Rentenversicherung

Wenn Sie bei einem gesetzlichen Rentenversicherungsträger eine Erwerbsminderungsrente beantragen, stellt der im Prinzip nur eine Frage: Wie lange können Sie am Tag arbeiten, weniger als drei Stunden oder weniger als sechs Stunden? Es geht dabei wohlgemerkt um Arbeiten an sich, egal in welchem Beruf. Wenn es sein muss auch als Pförtner, denn Ihr bisheriger Beruf spielt bis auf die Ausnahme der vor 1961 Geborenen keine Rolle. Wer weniger als drei Stunden am Tag arbeiten kann, erhält eine volle Erwerbsminderungsrente. Wer mehr als drei, aber weniger als sechs Stunden täglich arbeiten kann, bekommt eine halbe Erwerbsminderungsrente.

Wer vor dem 2. Januar 1961 geboren wurde, erhält noch eine Berufsunfähigkeitsrente in Höhe einer halben Erwerbsminderungsrente. In diesem Fall muss auch der gesetzliche Rentenversicherungsträger prüfen, inwieweit der Versicherte aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage ist, seinen Beruf oder eine ähnliche Tätigkeit auszuüben.

Bis zum Jahr 2000 galt in der gesetzlichen Rentenversicherung noch ein anderes System der Invalidenrenten: Es gab eine gesetzliche Erwerbsunfähigkeitsrente und eine gesetzliche Berufsunfähigkeitsrente. Die Anträge auf eine gesetzliche Berufsunfähigkeitsrente wurden ähnlich geprüft wie die Anträge auf eine private Berufsunfähigkeitsrente.

Die Feststellung des Behindertengrades

Die Behinderung eines Menschen wird in Deutschland vom örtlichen Versorgungsamt (auch Integrationsamt genannt) nach den Regeln des neunten Sozialgesetzbuches eingestuft. Diese Behörde begutachtet den Einzelnen und legt den Grad der Behinderung (GdB) fest. Die so genannte Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) entspricht dem Grad der Behinderung, unterscheidet sich aber in ihrer medizinischen Herleitung. Beide Grade sagen aus, inwieweit eine Gesundheitsstörung den Alltag des Betroffenen beeinträchtigt. Es wird gemessen, inwieweit der gesundheitliche Zustand eines Menschen vom typischen Zustand seines Alters abweicht.

Der Grad einer Behinderung sagt erst einmal nichts über eine mögliche Berufsunfähigkeit im Sinne einer privaten Versicherung oder über eine Erwerbsminderung im Sinne der gesetzlichen Rentenversicherung aus. Bei der Feststellung des Behindertengrades oder der Minderung der Erwerbsfähigkeit wird nur der einzelne Mensch und seine Gesundheit betrachtet - eine mögliche Berufsunfähigkeit wird nicht in die Betrachtung miteinbezogen. Es geht vor allem um verschiedene steuerliche Erleichterungen für den Betroffenen, aber auch um Zuschüsse für die Wohnung und den Arbeitsplatz, um Kündigungsschutz, Zusatzurlaub, Erleichterungen bei den Sozialversicherungen, um Freifahrten im öffentlichen Nahverkehr und mit der Bahn und um Behindertenparkplätze.

Weil die Einstufung einer Behinderung nichts mit der Beurteilung der Erwerbsfähigkeit zu tun hat, kann ein Kind oder ein Rentner den gleichen Behinderungsgrad zugeordnet bekommen wie ein erwerbstätiger Erwachsener. Ein Querschnittsgelähmter, der zu 100 Prozent behindert ist, kann in manchen Berufen durchaus vollzeitbeschäftigt sein.

Die Feststellung des Behindertengrades erfolgt auf Basis der so genannten Anhaltspunkte für die ärztliche Gutachtertätigkeit, die vom Bundessozialministerium herausgegeben werden. Von diesen Anhaltspunkten kann der einzelne Gutachter abweichen, sie sind aber als Grundlage der Begutachtung allgemein anerkannt. Hier finden sich auch detaillierte Tabellen einzelner Erkrankungen und Verletzungen und ihre prozentuale Einordnung nach Graden der Behinderung. Es wird beispielsweise vorgegeben, dass der Verlust einer Hand zu einem Behinderungsgrad von 50 Prozent führt, dass eine schwere Migräne eine Behinderung von bis zu 60 Prozent und Tuberkulose bis zu 100 Prozent auslösen kann. Eine Behinderung liegt generell erst ab einem Grad von mindestens 10 Prozent vor, und erst ab einem Grad von 20 Prozent wird sie vom Versorgungsamt offiziell festgestellt. Ab einem Grad von 50 Prozent gilt man als schwer behindert.

Die gesetzliche Unfallversicherung

Wenn die gesetzliche Unfallversicherung Unfallrenten zahlt, richtet sie sich nach der Minderung der Erwerbsfähigkeit, die vom Versorgungsamt festgestellt wird: Je höher der Grad der Erwerbsminderung, desto höher die Unfallrente. Die gesetzliche Unfallversicherung verwendet also dieselben Maßstäbe wie das Versorgungsamt, die aber weder denen der gesetzlichen Rentenversicherungsträger entsprechen noch denen der privaten Versicherungsunternehmen.

Die private Unfallversicherung

Die private Unfallversicherung stellt ebenfalls Invaliditätsgrade fest. Diese Einstufungen haben allerdings nichts mit der privaten Berufsunfähigkeitsversicherung zu tun, denn die Beeinträchtigung durch einen Unfall wird in der privaten Unfallversicherung nicht ins Verhältnis zur beruflichen Tätigkeit gesetzt.

Die Invaliditätsgrade sind in der so genannten Gliedertaxe in den allgemeinen Unfallversicherungsbedingungen (AUB) festgelegt. Der Invaliditätsgrad bestimmt, in welchem Maß eine Leistung gezahlt wird. Der Verlust eines Fußes führt nach der AUB beispielsweise zu einem Invaliditätsgrad von 40 Prozent. In diesem Fall zahlt das Versicherungsunternehmen 40 Prozent der Versicherungssumme. Dieser Betrag kann gegebenenfalls durch eine so genannte Progression erhöht und durch andere Leistungen ergänzt werden - je nachdem, was im Versicherungsvertrag vereinbart wurde.

Wie es zu einer Berufsunfähigkeit kommt

Wenn eine besonders schlimme Krankheit oder ein sehr schwerer Unfall zu einer Berufsunfähigkeit führen, ist ihre Bewertung fast reine Formsache. Wenn der Betroffene zum Pflegefall geworden ist, werden weder der gesetzliche Rentenversicherungsträger noch der private Versicherer Zweifel an seiner Invalidität hegen und entsprechend ihre Leistungen zahlen.

Die meisten Fälle sind aber nicht so eindeutig, deswegen finden Sie im Folgenden beispielhaft die Entstehung einer Berufsunfähigkeit. Dabei geht es nicht um die körperlichen und seelischen Leiden, sondern um die bürokratischen Vorgänge, die zwischen dem Ausbruch einer Krankheit und der Anerkennung einer Berufsunfähigkeit liegen. Gerade in Verbindung mit den körperlichen und seelischen Leiden, die der Unfall oder die Krankheit verursacht haben, kann dieser verwaltungstechnische Ablauf für viele eine Tortur sein.

Lange Krankheitsphase

Stellen Sie sich vor, Sie erleiden einen Bandscheibenvorfall. Sie werden krankgeschrieben und Ihr Arzt stellt Ihnen auf dem bekannten gelben Formular eine Bescheinigung Ihrer Arbeitsunfähigkeit aus. Sie bekommen Ihr Gehalt weitergezahlt. Nach einigen Wochen gehen Sie wieder zur Arbeit, aber wenige Monate später erleiden Sie erneut einen Bandscheibenvorfall. Diesmal werden Sie für mehrere Monate arbeitsunfähig geschrieben. Sie bekommen Ihr Gehalt sechs Wochen weitergezahlt, danach zahlt Ihnen Ihre Krankenkasse Krankengeld. Das Krankengeld einer gesetzlichen Krankenkasse beträgt 70 Prozent Ihres Bruttogehalts, darf aber nicht mehr als 90 Prozent Ihres Nettogehalts ausmachen. Das Krankentagegeld einer privaten Krankenversicherung ist frei vereinbar, bis maximal 100 Prozent des Gehalts.

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